Häretisches zum neuen Domenico Losurdo

Domenico Losurdo ist ein italienischer Philosoph, Autor mehrerer Bücher über Nietzsche, Gramsci, Professor für Philosophie an der Universität Urbino. Er war bis 1991 Mitglied der Italienischen Kommunistischen Partei und kämpfte danach in einer Gruppierung um deren Wiederaufbau. Derzeit ist er nicht Parteipolitisch unterwegs. Grundlage für diesen Artikel ist hier das Buch: „Stalin. Kritik und Geschichte einer schwarzen Legende“
Das Buch gibt leider kaum Antworten, es ist zwar interessant den angeblichen (?) Taten Stalins die realen Taten beispielsweise Churchills gegenüber zu stellen, aber das ersetzt nicht eine Auseinandersetzung mit den realen Vorkommnissen. Zwar hat sich Losurdo positiv von der Krankheit der bürgerlichen Historiographie emanzipiert, sich nur auf die einfache Darstellung der Fakten zu beschränken, die dann, tendenziös ausgewählt angeblich alles beweisen, aber dennoch reicht eine Beschränkung der eigenen Darstellung auf die pure Umgebungsgeschichte einfach nicht aus. Dabei bleiben wichtige Punkte nicht berührt und unausreichend ausgeleuchtet.
Dabei ist nicht zu vergessen, dass es hier durchaus interessante Denkansätze gibt, die Dialektik Saturns, die ich in einem anderen Blogeintrag ausformuliert habe, kann ausformuliert zu weitreichenden taktischen Formulierungen in nicht-revolutionärer Zeit führen.
Die in diesem Buch ausgeführte Ideengeschichte des Stalinismus und Antistalinismus, in der Persönlichkeiten wie Enver Hoxha, Gossweiler und Steigerwald eben nicht vorkommen, dafür aber Hannah Ahrend zu Wort kommt (das die sich positiv zu Stalin verhält, sollte eher ein Punkt gegen ihn sein) lässt sich vielleicht mit der anderen Ausgangslage des Autors und des Lesers dokumentieren. Der Leser stellt sich vorher positiv oder negativ zu Stalin und sucht nun Argumente für oder gegen seine Aussage. Losurdo weiß schon wie er zu ihm steht und setzt sich nun mit den Leuten auseinander, die gegen sein Idol vorgehen.
Wichtige Kontroversen kommen überhaupt nicht vor: Molotow-Ribbentrop-Vertrag, Teilung Polens, Stellung der dritten Internationale zum Faschismus im Wandel der Zeit, Umgang mit der Nicht-bürgerlichen Opposition und so weiter.
Alles in allem ein interessantes, wenn auch unglücklich ausdifferenziertes Buch, ein Schlag gegen alle Stalin-töter, aber einer, der auf einer Ideologie- und Kulturkritischen Schiene gegen seinen Ausführer gerichtet werden kann.